Auf dem queoflow-Blog veröffentlichen wir regelmäßig Artikel zu neuen Entwicklungen in der FinTech-Branche. In diesem Beitrag beleuchtet Gastautor Prof. Dr. Ralph Sonntag ganz konkret das Geschäftskundensegment der Branche, denn hier gibt es einige spannende Entwicklungen.

Wenn heute über neue technologische Entwicklungen und Geschäftsmodelle in der Finanzbranche gesprochen wird, geschieht dies meist aus Konsumentensicht. Die Rolle von etablierten Banken wird künftig durch jüngere Technologien wie beispielsweise Blockchain neu definiert. Aufwind und neue Impulse entstehen durch Startups und innovative Geschäftsmodelle, die den Kunden dabei unterstützen, unkompliziert  seine Anlagestrategie zu planen und umzusetzen. Gute Beispiele sind das Smartphone-Girokonto N26 (ehemals Number26) oder Dienste wie vaamo.

Firmenkundengeschäft – lukrativ und innovativ

Die Transaktionen von Geschäftskunden stellen eine wichtige Säule im Geschäftsmodell jeder Bank dar. Einer Befragung von Ernst & Young aus dem Jahr 2016 zur Folge schätzen fast 50% der befragten Banken auf die Frage „Wie bewerten Sie die Aussichten für die folgenden Geschäftsfelder Ihrer Bank in den nächsten zwölf Monaten?“ das Firmenkundengeschäft als sehr gut bis gut ein.

EY Bankenbarometer

Eine andere Studie offenbart allerdings, dass im internationalen Vergleich die deutschen Banken und Sparkassen hinsichtlich der Eigenkapitalrendite und Steigerung der Bilanzsummen hinterherhinken. In diesem Zusammenhang sei die Studie von Bain & Company empfohlen.

Vergleich Eigenkapitalrendite

FinTech – natürlich auch im B2B-Segment

Im Vergleich zu den FinTech-Startups im Consumer-Segment gibt es deutlich weniger Startups, die das Firmenkundengeschäft fokussieren. Dabei ist gerade dieser Markt attraktiv, in dem es keine große Anzahl von FinTech-Wettbewerbern gibt – ideale Voraussetzungen also, um hier mit innovativen Geschäftsmodellen an den Markt zu gehen.

Im Vergleich zu den Fintech-Startups im Consumer-Segment gibt es quantitativ weniger Startups, die das Firmenkundengeschäft fokussieren. Dieser Markt ist attraktiv und es gibt keine große Anzahl von Fintech-Wettbewerbern– ideale Voraussetzungen hier mit innovativen Geschäftsmodellen zu starten.

Der Innovationsgrad muss dabei nicht außergewöhnlich hoch oder gar disruptiv sein. Compeon beispielsweise bietet mittelständischen Unternehmen an, ihren Finanzierungsbedarf sowie Arten der Geldanlage auf der Plattform zu platzieren und stellt dieser Nachfrage Angebote von verschiedenen Banken und Leasinggesellschaften gegenüber. So positioniert sich Compeon als Finanzportal für den Mittelstand und FinTech-Anbieter im B2B-Segment.

Compeon

Im Privatkunden-Bereich ist das Crowdfunding- /lending schon gelebte Praxis. Die Finanzierung über die Crowd ist gerade auch für einzelne gemeinnützige oder nachhaltige Projekte mittlerweile üblich geworden.

Das europäische FinTech Funding Circle aus London bietet genau dieses Prinzip nun für Unternehmen an. Diese können über die Plattform ein Kreditvolumen zwischen 10.000-250.000€ platzieren und durch private Investoren finanzieren lassen.

Funding Circle

Eine weitere nennenswerte B2B-Plattform ist Billie. Dabei handelt es sich um eine Factoring-Plattform, die von den ehemaligen Gründern von Zencap (eine Crowdfunding-Plattform, die von Funding Circle aufgekauft wurde) ins Leben gerufen wurde.

Factoring Billie

Diese Beispiele zeigen, wie mittelständische Unternehmen aktuell entsprechende online-basierte Services im Finanzbereich von FinTechs wahrnehmen können.

Wertpapierwissen als OpenSource

Die Basis für Finanztransaktionen ist das Wissen um die Rahmenbedingungen und Entwicklungen u.a. im Wertpapiergeschäft. So war und ist die Securities Database (SecDB) von Goldman Sachs immer ein Wettbewerbsvorteil der Investment Bank. Gary Cohn von Goldman Sachs antwortete einmal, dass die SecDB nicht zu verkaufen wäre, nicht für 1 Mrd. $, vielleicht für 5 Mrd. $. Diese Datenbank umfasst verschiedenste Daten zu Wertpapieren der letzten 25 Jahre. Mit dieser Datenbank sind auch entsprechende Funktionen zum Handel und Risikokontrolle von Wertpapieranlagen verbunden.

Die Philosophie des Nicht-Teilens dieser Wissensdatenbank änderte sich im September letzten Jahres. Seitdem können einige Goldman-Kunden auf die SecDB zugreifen und diese nutzen. Das zeigt sehr deutlich, dass Daten alleine nicht mehr das Asset zur Differenzierung und Wettbewerbsvorteil sind, sondern die Unterstützung und Befähigung der Kunden durch das Teilen von Wissen ein wichtiger Punkt ist. Positive Effekte: eine gestärkte Kundenbindung und der Ansatz des Wissenteilens ist zugleich Alleinstellungsmerkmal. Quelle

Blockchain und mehr

Die Blockchain-Technologie steht oft in direkter Verbindung mit dem Finanzbereich, besonders in Bezug auf die virtuelle Währung Bitcoin.

Finanztransaktionen wie Swapgeschäfte (Derivate) sind kurz gesagt Vereinbarungen zwischen Kreditinstitut und Anleger. So bietet Finboot aus Spanien eine entsprechende Plattform an, um auf Basis von Blockchains solche Vereinbarungen als Smart Contracts jederzeit verifizierbar abzulegen und zu sichern. Das Startup wird dadurch einerseits neuer Intermediär mit einem Blockchain-basierten Angebot. Andererseits kann dieser Service bzw. diese Plattform mit Blochchain-Technologie auch eine Geschäftsfelderweiterung für bestehende Kreditinstitute sein.

Finboot

Doch Unternehmen benötigen nicht nur Unterstützung bei Finanztransaktionen, sondern gerade auch beim Monitoring und bei Entscheidungen im Finanzbereich. So liegt es auf der Hand, dass auch Funktionen, die bisher eine Bank ausübt, durch FinTech (teil)automatisiert werden können.

Unternehmen treffen auf Basis unterschiedlicher Finanzdaten und mit Unterstützung unterschiedlicher IT-Systeme (meist als Teil von ERP-Systemen) Entscheidungen. Genau hier könnten zukünftig FinTechs oder Banken eine entsprechende Unterstützung im Rahmen von Entscheidungsunterstützungssystemen anbieten. So können Unternehmen nicht nur auf Basis ihrer eigenen Daten Finanztransaktionen planen und entscheiden, sondern mit Hilfe eines DSS (Decision Support System) in dem allgemeine Wirtschafts- und Branchendaten hinterlegt sind. So kann eine breitere und validere Entscheidungsgrundlage geschaffen werden.

Frühwarnsysteme über die Vitalität von Unternehmen nutzen alle Banken und Kreditinstitute. Diese nach außen zu öffnen, wäre zum einen ein Schritt das Wissen zu teilen und auf der anderen Seite den Unternehmen  einen neuen Service bieten zu können, um damit letztendlich die Kundenbindung zu stärken.

Diese groben Ansätze zeigen, in welchen Bereichen zukünftig B2B-FinTechs oder Geschäftsfelder von Kreditinstituten zu finden sein werden.

Firmenkunde mit „Bankfunktion“

Wenn mittels der Blockchain-Technologie die Frage nach der Notwendigkeit von Intermediären gestellt wird, könnte den Unternehmen in Nicht-Finanzbranchen eine neue Rolle zukommen. So können Unternehmen direkt untereinander oder über B2B-FinTechs, Finanztransaktionen abbilden. Denkbar wäre ein gemeinschaftliches Liquiditätsmanagement für Unternehmen, die Komplementärprodukte untereinander anbieten und nicht in Konkurrenz stehen. Vorstellbar wäre auch, dass Unternehmen im Wertpapierbereich eine aktivere Rolle einnehmen und selbst Futures (Terminkontrakte auf ein bestimmtes Gut) anbieten, absichern oder als Bargeldversorger für die Endkunden auftreten. Die aufgezeigten Möglichkeiten sind keine kurzfristigen Perspektiven, sondern sollen an dieser Stelle zeigen, dass traditionelle Unternehmen die Aufgabe der Abwicklung von Finanztransaktionen in ihre Überlegungen einer Geschäftsmodelldiversifikation aufnehmen können und werden.

Ausblick

Die Geschäftsmodelle von Banken und Kreditinstituten verändern sich. Sämtliche Akteure im Finanzbereich, aber auch mittelständische Unternehmen sollten die Entwicklungen im B2B-Fintech aufmerksam beobachten. Innovationen sind auf der einen Seite Veränderungen, auf der anderen Seite bieten diese auch immer Chancen. Das beste Rezept zur Beurteilung von Innovationen ist das Kriterium der Kundenzentrierung. Der Nutzen für den Kunden steht immer im Vordergrund.


Über den Autor:

Prof. Dr. Ralph Sonntag ist Professor für Marketing, insbesondere Multimedia-Marketing, an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung von Social Commerce, Modelle des Digital Business, Methoden der Mediaplanung und die Werbeerfolgsforschung. Als Leiter der Gründungsschmiede der HTW Dresden unterstützt er junge Startups.


Foto: Carlos Muza

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